Die Meerestemperaturen rund um Island haben im Winter 2026 neue Rekordwerte erreicht. Das zeigen Messungen des isländischen Meeres- und Süßwasserforschungsinstituts. Besonders südlich und westlich der Insel registrierten Wissenschaftler außergewöhnlich warme Bedingungen im Nordatlantik.
Die Daten stammen aus der jährlichen Winterexpedition des Forschungsschiffs Þórunn Þórðardóttir, die am 17. Februar nach 15 Tagen auf See endete. Ziel der Expedition war es, den Zustand des Ozeans rund um Island zu überwachen. Solche Untersuchungen werden seit 1970 drei- bis viermal pro Jahr durchgeführt und liefern eine der wichtigsten Langzeitreihen zur Entwicklung der Meeresumwelt rund um Island.
Umfangreiche Messungen an 100 Stationen
Während der Expedition wurden entlang von zehn Messprofilen, die von der Küste ins offene Meer führen, insgesamt 100 Messstationen untersucht. An jeder Station wurde die vertikale Verteilung von Temperatur und Salzgehalt in der gesamten Wassersäule gemessen.
Zusätzlich entnahmen Forscher Wasserproben aus verschiedenen Tiefen, um Nährstoffe, Sauerstoff und anorganischen Kohlenstoff zu analysieren. Letzterer liefert wichtige Hinweise auf den Säuregrad des Meeres.
Erstmals kam zudem ein neuer Strömungsmesser zum Einsatz. Dieser erfasste entlang der gesamten Schiffsroute Strömungsgeschwindigkeit und -richtung bis in eine Tiefe von 1000 Metern sowie gleichzeitig Temperatur, Salzgehalt und den Kohlendioxid-Partialdruck.
Im Rahmen des LIFE-Icewater-Projekts wurden außerdem Messungen in mehreren Fjorden und Küstengebieten durchgeführt. Ziel ist es unter anderem, mögliche Umweltauswirkungen der Seegurkenzucht zu untersuchen und neue Daten über den Zustand küstennaher Gewässer zu sammeln.
Rekordtemperaturen südlich und westlich von Island
Besonders auffällig waren die hohen Temperaturen in den oberen 200 Metern des Atlantiks. An vielen Messstationen lagen die Werte über dem langjährigen Durchschnitt – teilweise sogar höher als bei allen bisherigen Wintermessungen seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 1970.
Südlich und westlich von Island wurden mehrere Rekordwerte gemessen. An der Station Selvogsbanki 5 registrierten Forscher eine Temperatur von 8,55 °C. Auch an der Station Stokksnes 4 wurden mit 8,8 °C und einem Salzgehalt von 35,28 nahezu historische Höchstwerte festgestellt.
Ungewöhnlich warmes Wasser auch im Norden
Auch im Norden Islands wurden ungewöhnlich hohe Temperaturen gemessen. Dort, wo sich Atlantikwasser mit kälteren polaren Wassermassen vermischt, erreichte die Temperatur an der Station Siglunes 4 einen Rekordwert von 5,0 °C.
Messungen zeigen zudem, dass sich eine warme Zunge des Atlantikwassers unter der Oberfläche bis in den Bereich von Langanes ausdehnte.
Die Salzgehaltsmessungen müssen allerdings noch überprüft werden. Daher gelten die derzeit veröffentlichten Werte als vorläufig.
Kalte Bedingungen in der Grönlandstraße
Im Gegensatz dazu wurden an den äußeren Stationen in der Grönlandstraße deutlich niedrigere Temperaturen gemessen. An den Stationen Látrabjarg 8 und Kögur 6 zeigte sich sehr kaltes und salzarmes Oberflächenwasser.
Diese Regionen liegen im Einflussbereich des Ostgrönlandstroms, der kalte polare Wassermassen nach Süden transportiert.
Hinweise auf verstärkten Wärmetransport nach Norden
Insgesamt deutet die Expedition darauf hin, dass derzeit ungewöhnlich warmes und salzreiches Atlantikwasser weit nach Norden transportiert wird. Trotz deutlicher jährlicher Schwankungen zeigt die langfristige Messreihe seit 1970 einen generellen Temperaturanstieg.
Nach einer Phase besonders niedriger Temperaturen und Salzgehalte, die 2017 ihren Tiefpunkt erreichten, scheint sich der Atlantik südlich von Island nun wieder zu erwärmen.
Der verstärkte Wärmetransport könnte nicht nur Auswirkungen auf das marine Ökosystem haben, sondern auch das Wetter in Island und im Nordatlantik beeinflussen. Bereits 2025 wurde in Island die höchste durchschnittliche Lufttemperatur seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen.
Weitere Forschung notwendig
Noch ist unklar, wie sich solche Warmphasen langfristig auswirken. Wissenschaftler betonen, dass weitere Untersuchungen nötig sind, um mögliche Veränderungen der Atlantischen Meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC) besser zu verstehen.
Diese großräumige Meeresströmung spielt eine zentrale Rolle für das Klima im Nordatlantik und in Europa.
Die neuen Messungen zeigen, dass sich der Nordatlantik rund um Island weiterhin verändert. Langfristige Datensätze wie die Winterexpeditionen sind entscheidend, um klimatische Entwicklungen, Veränderungen der Meeresströmungen und mögliche Auswirkungen auf marine Ökosysteme zu verstehen.
In den kommenden Jahren wollen Forscher die Entwicklung des Wärmetransports im Nordatlantik genauer verfolgen. Besonders im Fokus steht die Frage, ob sich die derzeit beobachteten warmen Phasen fortsetzen oder wieder abschwächen.
Titelfoto: Meer zwischen Nord- und Mjóifjörður / Mirjam Lassak
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