REYKJAVÍK – Das Isländische Meteorologische Amt (IMO) hat am 21. April 2026 den ersten Teil einer umfassenden, langfristigen Risikobewertung für die Halbinsel Reykjanes vorgelegt. Die Analyse markiert einen fundamentalen Wendepunkt in der staatlichen Vorsorge: Weg von der reinen Krisenreaktion auf akute Ausbrüche, hin zu einer wissenschaftlich fundierten Stadt- und Flächennutzungsplanung für die kommenden Jahrzehnte.
Die Halbinsel Reykjanes befindet sich in einer neuen Epoche geologischer Aktivität. Um dieser Realität zu begegnen, stützen sich die nun veröffentlichten Berichte auf historische geologische Daten und hochentwickelte Computermodelle. Ziel ist es, potenzielle Ausbruchsgebiete und Lavastrompfade innerhalb der sieben Vulkansysteme der Halbinsel – von Reykjanestá im Westen bis Ölfusá im Osten – langfristig abzubilden.
Die drei Säulen der wissenschaftlichen Neubewertung
Im Rahmen des bis 2027 laufenden Gesamtprojekts wurden drei zentrale Berichte veröffentlicht, die das Fundament für zukünftige Baunormen und Schutzmaßnahmen bilden:
- Erdbebenrisiko (Hauptstadtgebiet): Diese Analyse der horizontalen Bodenbeschleunigung (PGA) bestätigt zwar die Stabilität aktueller Baunormen (Eurocode 8), zeigt jedoch für den Süden (Hafnarfjörður, Garðabær) erhöhte Belastungswerte bei schweren Beben in der Reykjanes-Scharnierzone auf.
- Lavagefahr (Hauptstadtgebiet): Die Untersuchung der Systeme Krýsuvík und Brennisteinsfjöll belegt durch Simulationen, dass historische Pfade durch das Elliðaárdalur und Heiðmörk auch künftig als potenzielle Korridore für Lavaströme fungieren könnten.
- Lavagefahr (Halbinsel Reykjanes): Diese Gesamtschau definiert erstmals die „Top 10 %“ der gefährdeten Gebiete und prioritisiert Siedlungen sowie Infrastrukturen, die im direkten Einzugsbereich von Eruptionszentren oder Fließwegen liegen.
Regionale Brennpunkte: Grindavík und Hveragerði
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die Identifizierung der am stärksten gefährdeten Gebiete. Dabei stehen zwei urbane Zentren aus unterschiedlichen geologischen Gründen an der Spitze der Risikoskala:
- Grindavík: Die Stadt bleibt das am stärksten gefährdete Siedlungsgebiet. Hier trifft ein duales Risiko zusammen: Eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit für Eruptionen direkt im Stadtgebiet oder in unmittelbarer Nähe sowie eine entsprechend hohe Gefährdung durch Lavaströme aus der Umgebung.
- Hveragerði: Die Situation im Osten der Halbinsel ist fundamental anders. Während die Wahrscheinlichkeit eines direkten Ausbruchs im Ort geringer ist, stufen Experten das Gebiet allein aufgrund der Topographie in die höchste Risikostufe ein. Hveragerði liegt am Ende natürlicher Gefälle; Lava aus den Systemen Hellisheiði oder den Hveradalir würde physikalisch bedingt direkt in das bewohnte, tiefer gelegene Siedlungsgebiet fließen.
Das Hauptstadtgebiet: Differenzierte Entwarnung
Für den Großteil der Bewohner in Reykjavík, Garðabær, Kópavogur und Mosfellsbær geben die Modelle vorsichtige Entwarnung: Das Risiko eines direkten Lavastroms wird dort als „gering“ bis „sehr gering“ eingestuft. Dennoch identifiziert der Bericht wichtige Ausnahmen und Randzonen:
- Hafnarfjörður: Teile der Gemeinde liegen nur etwa einen Kilometer von Hochrisikozonen entfernt. Besonders der Südosten ist durch die Vulkansysteme Krýsuvík und Brennisteinsfjöll exponiert.
- Garðabær & Kópavogur: Hier zeigen die Modelle, dass Lavaströme bei sehr großen Ereignissen kritische Versorgungsknoten in den Randbereichen erreichen könnten, was historische Lavapfade aus prähistorischer Zeit bestätigt.
Massive Bedrohung der kritischen Infrastruktur
Die Berichte verdeutlichen, dass das technische Rückgrat Islands in erheblichem Maße geologischen Gefahren ausgesetzt ist. Die Sicherung dieser lebensnotwendigen Infrastruktur genießt in der neuen Bewertung höchste Priorität.
Energieversorgung und Fernwärme
Insgesamt vier Kraftwerke befinden sich in Zonen, in denen die Wahrscheinlichkeit für vulkanische Ereignisse als beträchtlich bis sehr hoch eingestuft wird:
- Reykjanes & Svartsengi: Diese Anlagen auf der Südhalbinsel sind bereits durch die Aktivität zwischen 2021 und 2025 bekannt.
- Hellisheiði & Nesjavellir: Diese für das Hauptstadtgebiet existenziell wichtigen Anlagen im Osten liegen ebenfalls in Hochrisikozonen. Hier drohen nicht nur Lavaströme, sondern auch massive Spaltenbildungen (Fissuren).
Trinkwasser und Grundwasser
Die Versorgungssicherheit hängt von Quellen ab, die sich innerhalb der obersten 10 % der am stärksten gefährdeten Gebiete befinden. Ein Lavastrom bei Kaldárbotnar oder Selhæðir (Hauptquellen) könnte nicht nur die physische Infrastruktur (Pumpstationen) zerstören, sondern auch durch chemische Einträge die Grundwasserqualität langfristig gefährden.
Verkehrswege und Stromnetz
Die Analyse listet eine Reihe von Straßen und Leitungen auf, die zentrale Vulkansysteme kreuzen:
- Hauptstraßen: Die Ringstraße über die Hellisheiði, der Suðurstrandarvegur (427) und der Grindavíkurvegur (43) sind als hochgradig exponiert eingestuft.
- Versorgungsrouten: Der Nesjavallavegur (435) und der Bláfjallavegur (42) liegen in Zonen mit hoher Wahrscheinlichkeit für Bodenrisse.
- Stromnetz: Hochspannungsleitungen und Umspannwerke im Südosten verlaufen teils durch bekannte Lavakorridore wie Heiðmörk oder das Elliðaárdalur.
Fachliche Vertiefung der Versorgungsarchitektur
Im Rahmen des Projekts werden insgesamt 16 Gemeinden und sieben Vulkansysteme in einem weltweit einzigartigen Umfang analysiert. Die Komplexität ergibt sich daraus, dass mehr als die Hälfte der isländischen Bevölkerung in unmittelbarer Nähe zu diesen aktiven Systemen lebt. Besonders kritisch wird die Redundanz der Energie- und Wasserversorgung gesehen. Da alle vier großen Kraftwerke in Risikozonen liegen, müssen künftige Projekte entweder massiv durch Schutzwälle gesichert oder dezentraler geplant werden. Die vorliegenden Daten liefern hierfür die technischen Parameter für den Bau erdbebensicherer Fundamente und flexibler Leitungssysteme.
Politische Konsequenzen: Vom Wissen zum Handeln
Die veröffentlichten Daten revolutionieren nicht das geologische Grundverständnis, aber sie quantifizieren das Risiko erstmals in einer Form, die rechtlich bindend für die Bauplanung werden kann. Bisher fehlen in Island gesetzlich verankerte Verbotszonen für vulkanische Gefahren, wie sie für Lawinen bereits existieren.
Island steht vor der Herausforderung, Schutzmaßnahmen wie Dämme und Umleitungen künftig als festen Bestandteil der Infrastruktur zu begreifen.
Das Projekt wird bis 2027 fortgesetzt. Noch in diesem Jahr folgen Berichte zum Spaltenrisiko sowie detaillierte Analysen für Suðurnes und Árnessýsla. Im nächsten Jahr werden Untersuchungen zu Gasemissionen und zur Grundwasserverseuchung das Bild vervollständigen. Zur Unterstützung der Planer und Bürger hat das IMO das Portal eldfjallava.is mit einem interaktiven Kartenviewer gestartet, der den Zugriff auf alle geografischen Risikodaten ermöglicht.
Titelfoto: Vulkanisch aktives Gebiet um das Hellisheiðarvirkjun / Mirjam Lassak
Entwurf für den Schutzplan von Kerlingarfjöll veröffentlicht. Öffentlichkeit kann bis 25. Mai 2026 Stellung nehmen.