Nach dem anhaltenden Erdbebenschwarm bei Eldey haben sich mehrere isländische Vulkanologen zur Lage geäußert. In ihren Einschätzungen setzen sie unterschiedliche Schwerpunkte, widersprechen sich jedoch nicht grundsätzlich. Ein möglicher Ausbruch bei Eldey gilt als langfristig denkbar, aktuell fehlen jedoch klare Hinweise auf eine Magmaansammlung. Wahrscheinlicher bleibt ein weiterer Ausbruch im Gebiet der Sundhnúk-Kratergruppe auf der Reykjanes-Halbinsel.
Am Wochenende wurden bei Eldey über 300 Erdbeben registriert, zeitweise in dichter Folge. Magnús Tumi Guðmundsson, Professor für Geophysik, erklärt, dass solche Schwärme in dieser Region meist durch plattentektonische Prozesse verursacht werden. Seit Beginn der Eruptionsphase auf Reykjanes habe die Häufigkeit solcher Erdbeben insgesamt zugenommen, ohne dass dies automatisch auf einen bevorstehenden Ausbruch hindeute.
Keine messbaren Anzeichen für Magma unter Eldey
Die Überwachung von Eldey wurde bereits vor rund zwei Jahren verstärkt. Eine dort installierte GPS-Station misst mögliche Bodenverformungen. Laut Magnús Tumi zeigen diese Messungen derzeit keine Hinweise auf eine Magmaansammlung in geringer Tiefe und keine Deformationen, die auf eine akute vulkanische Unruhe schließen lassen.
Er betont jedoch, dass ein Ausbruch grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden könne. Eldey sei ein aktives Gebiet, das überwacht werden müsse. Erfahrungsgemäß legten sich viele solcher Schwärme wieder, absolute Sicherheit gebe es jedoch nicht. Sollte es zu einem Ausbruch kommen, wäre nach seiner Einschätzung ein sehr kleines Ereignis am wahrscheinlichsten, möglicherweise so schwach, dass es die Erdoberfläche nicht erreicht.
Dieses Diagramm des MET-Office ist entscheidend für die aktuelle Gefahrenbewertung: Keine Inflation: Es gibt keine Anzeichen für eine Bodenhebung (Uplift). Eine Hebung würde auf Magmaansammlung im Untergrund hindeuten. Stattdessen schwankt der „Up“-Wert weiterhin im leicht negativen Bereich oder bleibt stabil. Stabilität: Die horizontale Bewegung (North/East) zeigt in den letzten 90 Tagen keine plötzlichen Sprünge, was bedeutet, dass es in unmittelbarer Nähe der Station Eldey keine größeren Magmaintrusionen oder starken Erdbeben-Schwärme gab, die den Boden dauerhaft verschoben hätten.
Unterwasserausbruch möglich, aber schwer nachweisbar
Der Vulkanologe Ármann Höskuldsson teilt die Einschätzung, dass ein Ausbruch bei Eldey grundsätzlich möglich ist, weist jedoch auf die besonderen Bedingungen eines Unterwasservulkans hin. Sollte sich ein Ausbruch in größerer Tiefe ereignen, würde er vermutlich unbemerkt bleiben. Allenfalls eine leichte Erwärmung des Meerwassers könnte messbar sein. Nur bei einem Ausbruch weiter oben auf dem Mittelatlantischen Rücken wären kleine Aschewolken denkbar.
Ármann geht davon aus, dass es in den kommenden Monaten oder Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Ausbruch irgendwo auf dem Reykjanes-Rücken kommen wird. Der genaue Zeitpunkt lasse sich jedoch nicht vorhersagen. Eldey selbst breche statistisch nur ein- bis zweimal pro Jahrhundert aus, zuletzt im Jahr 1926.
Tektonischer Ursprung im Vordergrund
Zurückhaltender äußert sich Benedikt Gunnar Ófeigsson, Leiter der Deformationsmessungen beim Isländischen Meteorologischen Amt. Er stellt fest, dass der Erdbebenschwarm zuletzt eher abklinge, auch wenn weiterhin Beben registriert würden. Die GPS-Messungen auf Eldey zeigten keinerlei Anzeichen für eine Magmaansammlung in vier bis acht Kilometern Tiefe. Im Gegenteil, die Insel sinkt.
Erdbebenschwarm im Laufe des heutigen Tages / Screenshot von vafri.is
Nach seiner Einschätzung ist ein direkter Zusammenhang mit der vulkanischen Aktivität auf der Reykjanes-Halbinsel eher unwahrscheinlich, ein indirekter Zusammenhang jedoch möglich. Große Magmaintrusionen bei Sundhnúkar hätten in der Vergangenheit weiträumige Spannungen in der Erdkruste erzeugt, die auch entfernte Erdbebenschwärme auslösen könnten. Erdbebenschwärme bei Eldey seien zudem kein neues Phänomen und hätten bereits vor Beginn der aktuellen Eruptionsserie auf Reykjanes stattgefunden.
Unterwasserausbruch wahrscheinlicher als Landereignis
Eine etwas andere Gewichtung nimmt der Vulkanologe Þorvaldur Þórðarson vor. Er hält einen Unterwasserausbruch bei Eldey derzeit für wahrscheinlicher als einen Ausbruch an Land auf der Reykjanes-Halbinsel. Sollte sich der aktuelle Trend fortsetzen, könne es dort zu einem kleinen Ausbruch kommen, der jedoch voraussichtlich keine größeren Schäden verursachen würde.
Auch Þorvaldur betont, dass die Aktivität nicht ungewöhnlich sei. Das Gebiet sei historisch mehrfach ausgebrochen, Eldey selbst der Überrest eines alten Kraters. Die entscheidende Frage sei weniger ob, sondern wann – und ob das Magma die Oberfläche überhaupt erreiche.
Reykjanes bleibt das wahrscheinlichste Szenario
Einigkeit besteht bei der Bewertung der Lage auf Reykjanes. Magnús Tumi Guðmundsson sieht einen weiteren Ausbruch in der Sundhnúk-Kratergruppe weiterhin als das wahrscheinlichste Szenario. Der Magmazufluss unter Svartsengi halte an, habe sich jedoch deutlich verlangsamt. Die angesammelte Magmamenge nähere sich erneut früheren Höchstwerten.
Nach seiner Einschätzung ist der zweite Abschnitt der aktuellen Aktivitätsphase auf Reykjanes weitgehend abgeschlossen. Dennoch könne es erneut zu einem Ausbruch kommen, auch wenn Zeitpunkt und Ausmaß unklar bleiben.
Einigkeit in Grundlinie
Alle befragten Vulkanologen verfolgen unterschiedliche Blickwinkel, stimmen aber in der Grundlinie überein. Bei Eldey gibt es derzeit keine messbaren Hinweise auf eine akute Magmaansammlung. Ein Ausbruch bleibt langfristig möglich, ist aktuell jedoch nicht wahrscheinlich. Deutlich höher wird die Wahrscheinlichkeit weiterer Aktivität im Gebiet Sundhnúk auf Reykjanes eingeschätzt.
Ob sich der Erdbebenschwarm bei Eldey weiter abschwächt oder erneut an Dynamik gewinnt, bleibt offen. Gleichzeitig bleibt Reykjanes eines der aktivsten Vulkangebiete Islands, in dem weitere Entwicklungen erwartet werden.
Die Situation unterstreicht die Unsicherheit vulkanischer Prozesse in Island. Trotz dichter Überwachung lassen sich viele Entwicklungen erst im Rückblick eindeutig einordnen – die Beobachtung bleibt daher entscheidend.
SaltyLavabeobachtet die weitere Entwicklung und berichtet, sobald sich die Lage ändert oder neue Einschätzungen vorliegen.
Magnús Tumi bei Visir. Ármann, Benedikt Gunnar und Þorvaldur im Morgunblaðið / Titelbild Insel Eldey von Reykjanes aus gesehen Mirjam Lassak
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