Aktuelle Streichungen und Verspätungen belasten derzeit den Flugbetrieb von Icelandair. Da sich Crews kurzfristig weigern, in ihrer Freizeit für Dienste einzuspringen, fehlen der Airline die Piloten. CEO Bogi Nils Bogason erhob nun schwere Vorwürfe und vermutet hinter dem akuten Personalmangel eine koordinierte, informelle Streikmaßnahme der Piloten. Während das Management nach jahrelangen Millionenverlusten drastische Effizienzsteigerungen fordert, blockiert die Gewerkschaft FÍA weitere Einschnitte. Ein Treffen beim staatlichen Vermittler brachte erste Gespräche – doch eine Lösung steht aus.
Krise nach Corona und Boeing-Problemen: Warum Icelandair sparen muss
Die isländische Fluggesellschaft steht seit Jahren unter enormem Druck. Neben dem harten Wettbewerb in der Luftfahrtbranche machten der Airline externe Schocks schwer zu schaffen: die Corona-Pandemie, Vulkanausbrüche und die weltweiten Probleme mit den Boeing-737-Max-Jets.
Die finanzielle Bilanz ist bitter: Mit Ausnahme des Jahres 2023 verzeichnet Icelandair seit 2018 durchgehend Verluste, wie Visir mitteilt. Der Gesamtverlust nach Steuern beläuft sich in diesem Zeitraum auf 619 Millionen US-Dollar. Um das Unternehmen in diesem schwierigen Umfeld und bei historisch hohen Ölpreisen wieder auf Kurs zu bringen, fordert CEO Bogi Nils Bogason deutlich mehr Handlungsspielraum – und kritisierte das aktuelle Verhalten der Piloten scharf als „traurig“.
Die Streitpunkte: Wo das Management ansetzen will
Beim aktuellen Treffen mit dem staatlichen Vermittler Ástráður Haraldsson ging es um die Kernpunkte, die sowohl die Lebensqualität der Piloten als auch die Kosten der Airline bestimmen:
- Flugstunden und Schichten: Icelandair möchte die Einsatzzeiten der Crews effektiver nutzen, um besser auf saisonale Schwankungen reagieren zu können.
- Ruhezeiten und Urlaub: Das Management fordert flexiblere Regelungen, was von den Piloten als Angriff auf ihre Arbeitsbedingungen gewertet wird.
Zusätzlich verhandelt der Vermittler auch mit den Flugzeugmechanikern, die sich am kommenden Dienstag zu weiteren Gesprächen treffen. Hier gab es laut ersten Berichten bislang allerdings kaum Bewegung.
Piloten wehren sich: „Das Limit ist erreicht“
Die Pilotengewerkschaft FÍA weist den Vorwurf eines geheimen Streiks entschieden zurück. Dass Maschinen am Boden bleiben, liege schlicht daran, dass die Piloten weniger bereit seien als früher, ihre Urlaubs- und Ruhezeiten für kurzfristige Abrufe außerhalb ihrer regulären Dienstzeit zu opfern. Die Gewerkschaft verweist auf die Sanierung im Jahr 2020, bei der die Piloten bereits historische Zugeständnisse machten:
- 22 % mehr Arbeitsbelastung: Die jährlichen Flugstunden wurden von 525 auf 640 Stunden angehoben. (Das gesetzliche Maximum der Flugsicherheitsbehörde EASA liegt bei 900 Stunden).
- Weniger Freizeit: Die Crews akzeptierten damals straffere Schichtpläne, weniger Urlaubstage und verkürzte Ruhezeiten. Dadurch wurden Langstreckenflüge für Icelandair überhaupt erst wieder rentabel.
- Millionen-Ersparnis: Diese Maßnahmen senkten die Kosten pro Sitzkilometer drastisch und sparten Icelandair allein im Jahr 2020 rund 17 Millionen US-Dollar ein. Im Gegenzug gab es einen dreijährigen Gehaltsstopp.
Aus Sicht der FÍA haben die Piloten ihren Beitrag zur Rettung der Airline längst geleistet. Weitere Einschnitte in ihre Rechte wollen sie im aktuellen Lohnstreit verhindern.
Wie geht es jetzt weiter?
Immerhin: Der staatliche Vermittler beschrieb die Dynamik der Gespräche als positiv. Die Verhandlungsteams haben vereinbart, über das Wochenende weitere Daten und konkrete Szenarien auszuarbeiten.
Der entscheidende Krisengipfel zwischen Icelandair und den Piloten ist für Pfingstmontag um 10:00 Uhr angesetzt. Dann wird sich zeigen, ob beide Seiten eine gemeinsame Vision für die Zukunft finden – oder ob dem isländischen Flugverkehr harte, offizielle Arbeitskämpfe drohen.
Titelbild: By MarcelX42
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