Schadensbewertung in Grindavík: Welche Häuser sind nach der geotechnischen Untersuchung noch zu retten?
Nach den schweren Erdbeben im November 2023 in Grindavík wurden 47 Grundstücke geotechnisch untersucht. Die Ergebnisse zeigen, welche Häuser repariert werden können und wo der Untergrund dauerhaft instabil bleibt.
Die Narben der Erde: Eine geologische Analyse und die Zukunft von Grindavík
Die seismischen Ereignisse zwischen November 2023 und Januar 2024 haben die isländische Küstenstadt Grindavík dauerhaft gezeichnet. Was als Serie von Erdbeben begann, entwickelte sich zu einer massiven geologischen Transformation des Untergrunds. Experten haben die Mechanismen hinter diesen Zerstörungen detailliert untersucht, um die alles entscheidende Frage zu beantworten: Welche Häuser können gerettet werden?
Gefahrenkarte der Bodenrisse Die farbigen Linien markieren unterschiedliche Schadensstufen im Stadtgebiet: Rote und rosa Linien zeigen gefährliche Hauptspalten, während Orange und Gelb Nebenrisse oder unklare Zonen kennzeichnen. Blaue Markierungen stehen für gestauchten Boden und Grün für alte, stabile Spalten.
Die Urheber und der Zweck der Untersuchung
Die vorliegenden Analysen und Bilder stammen aus einem umfassenden Gutachten der Ingenieurbüros VERKÍS und EFLA in Zusammenarbeit mit ÍSOR. Ein zentraler Akteur in diesem Prozess ist die Isländische Naturkatastrophenversicherung (NTÍ). Sie beauftragte die Expertengruppe mit einer detaillierte Geländebegehung, um die Reparaturfähigkeit von Immobilien rechtssicher zu bewerten. Grundlage hierfür war die bereits existierende Spaltenkartierung, die im Auftrag des Nationalen Polizeipräsidenten und der Gemeinde Grindavík erstellt worden war.
Die Entstehung des Grabens und die LiDAR-Analyse
Der entscheidende Moment für die Stadt war die Bildung eines sogenannten Grabens (Sigdalur). Durch modernste LiDAR-Messungen konnten die Wissenschaftler präzise dokumentieren, wie sich der Boden nicht nur horizontal dehnte, sondern massiv vertikal einsackte. Die Messungen zeigen, dass die massivsten Absenkungen direkt durch das Stadtzentrum verlaufen. Während die erste Phase im November 2023 den Grundstein für die Instabilität legte, führten die Ereignisse im Januar 2024 zu weiteren Verschiebungen.
LiDAR-Karte mit den roten Absenkungszonen von November 2023
Ein Blick in die Tiefe: Die Schichtung des Untergrunds
Um zu verstehen, warum bestimmte Bereiche der Stadt stärker betroffen sind als andere, ist ein Blick auf die Stratigraphie (Erdschichten) notwendig. Grindavík wurde auf einer Abfolge von Lavaströmen errichtet, die bis zu 15.000 Jahre zurückreichen. Die oberste Schicht bildet das Sundhnúkahraun (ca. 2.000 Jahre alt). Darunter liegt das Hópsheiðarhraun und schließlich das über 10 Meter dicke, massive Hópshraun aus Säulenbasalt. Zwischen diesen harten Lavaschichten befinden sich weichere Sedimente und Ascheablagerungen. Diese weichen Schichten wirken bei tektonischen Spannungen wie Schwachstellen, da sie in tiefer liegende Klüfte gespült werden können, was die Oberfläche instabil macht.
Eine vertikale Schnittzeichnung des Untergrunds unter Grindavík zeigt diese Schichtungen: Oben die jüngste Lava Sundhnjukahraun (2000 Jahre alt), Hopsheidahraun (8000 Jahre), Vatnsheidi (11.000 Jahre alt)darunter ältere Lavaschichten und dazwischen Bodenschichten, Sand und Sedimente aus der Eiszeit. Wichtig: Die unterste Schicht Hópshraun (über 12.500 Jahre alt) ist über 10 Meter dick und sehr massiv (Säulenbasalt).
Geotechnische Detailprüfung: Die 47 Grundstücke
Ein wesentlicher Teil der aktuellen Schadensbewertung war die Untersuchung von insgesamt 47 spezifischen Grundstücken, die als besonders gefährdet eingestuft wurden. Hier reichten Fernmessungen nicht aus; die Experten setzten Bagger ein, um gezielte Schürfgräben bis auf den Felsgrund zu ziehen. Nur durch diese physischen Ausgrabungen konnten verborgene Risse im Gestein zweifelsfrei identifiziert werden. Ziel war es zu prüfen, ob die Fundamentierung der Gebäude dauerhaft beeinträchtigt ist oder ob eine fachgerechte Sanierung möglich bleibt.
Das System der sieben Spaltenzonen
Die Untersuchungen haben sieben markante Spaltengürtel identifiziert, darunter die Stamphólsgjá und die Hópssprunga. Diese Zonen sind reaktivierte alte Bruchstellen. Die Stamphólsgjá erreicht Tiefen von bis zu 30 Metern und eine Breite von bis zu 3 Metern. Das dichte Netz von Haupt- und Nebenrissen unterwandert die Infrastruktur und teilt das Stadtgebiet in einzelne Schollen.
Luftbild von Grindavík mit allen farbigen Risslinien Rot (Aðalsprunga – opin): Hauptspalte – offen. Dies sind die markantesten und gefährlichsten Risse, die deutlich klaffen. Rosa/Hellrot (Aðalsprunga – lítil, lokuð eða fyllt): Hauptspalte – klein, geschlossen oder verfüllt. Diese Risse sind zwar vorhanden, aber an der Oberfläche weniger ausgeprägt oder bereits mit Material (Sediment/Asphalt) zugesetzt. Orange (Hliðarsprungur): Nebenspalten. Kleinere Risse, die parallel oder abzweigend von den Hauptspalten verlaufen. Gelb (Sprungur óflokkuð): Nicht klassifizierte Risse. Spalten, deren genaue Tiefe oder Art noch nicht abschließend kategorisiert wurde. Blau (Samþjöppun): Kompression / Stauchung. Hier wurde der Boden nicht auseinandergezogen, sondern zusammengedrückt (oft am Rand von Absenkungsbereichen). Hellblau/Türkis (Litlar sprungur í malbiki – óreglulegar stefnur): Kleine Risse im Asphalt – unregelmäßige Ausrichtung. Diese treten oft netzartig in Straßen auf, ohne dass sofort eine tiefe Felsspalte darunter liegen muss. Grün (Gamlar sprungur – engin nýleg hreyfing): Alte Spalten – keine jüngsten Bewegungen. Diese Risse waren bereits vor 2023 bekannt und haben sich während der aktuellen Ereignisse nicht messbar verändert.
Verborgene Gefahren durch Hohlraumbildung
Besonders tückisch ist die Bildung unterirdischer Hohlräume. Wenn sich tiefe Lavaschichten dehnen, entsteht ein Sogeffekt. Lockeres Material rieselt nach unten, während an der Oberfläche oft nur minimale Risse sichtbar bleiben. Unter der Erde bilden sich jedoch Kavernen, die teilweise bis zum Grundwasser in 16 Metern Tiefe reichen. Diese versteckten Fallen machen das Befahren von scheinbar unbeschädigten Flächen ohne vorherige geotechnische Prüfung lebensgefährlich.
Folgendes Bild liefert den wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Oberflächenbesichtigungen allein nicht ausreichen. Ein Haus kann auf festem Boden zu stehen scheinen, während sich nur zwei Meter unter dem Fundament ein riesiger Hohlraum bildet, weil das Material in die Tiefe abfließt. Dies erklärt, warum die NTÍ so konsequent auf Baggerschürfungen setzt, um die Sicherheit der 47 Grundstücke zu prüfen.
Der Blick in den Abgrund – Warum Oberflächenschäden in Grindavík täuschen. ist eines der wichtigsten Dokumente für das Verständnis der unsichtbaren Gefahr in Grindavík. Es zeigt eine Ausgrabung an der Spalte Stamphólsgjá Diese Aufnahme und die zugehörige Grafik der Stamphólsgjá verdeutlichen das zentrale Risiko der Stadt: Während an der Oberfläche oft nur kleine Risse sichtbar sind, klaffen in der Tiefe (bis zu 16 Meter) massive Spalten im harten Basaltfels (ks). Durch tektonische Dehnung entsteht ein Sogeffekt, bei dem lockere Zwischenschichten und ältere Lavamassen in die Tiefe nachrieseln. Es bilden sich gefährliche Hohlräume direkt unter der Erdoberfläche, die die Standsicherheit von Gebäuden massiv gefährden. Die Ausgrabung dient als Beweis dafür, dass die wahre Zerstörung oft unsichtbar im Untergrund stattfindet.
Kriterien für die Reparaturfähigkeit
Die Entscheidung der NTÍ über die Sanierungsfähigkeit hängt von klaren geologischen Kriterien ab. Ein Haus gilt als nicht reparierbar, wenn es direkt auf einer aktiven Bruchlinie steht, wenn akute Gefahr durch Hohlraumbildung besteht oder wenn ein signifikanter vertikaler Versatz das statische Gefüge des Fundaments zerstört hat. Nur wenn der anstehende Fels unter dem Haus nachweislich intakt ist, kann eine Reparatur in Erwägung gezogen werden.
Ausblick: Der Rahmenplan für den Wiederaufbau
Die Schadensbewertung durch die NTÍ ist mittlerweile weitgehend abgeschlossen. Parallel dazu erarbeitet das Grindavík-Komitee einen Rahmenplan für den Wiederaufbau, der bis Ostern 2026 fertiggestellt sein soll. Dieser Plan wird festlegen, wie die Entwicklung der Stadt kurz- und langfristig erfolgen soll. Dabei findet eine breite Konsultation mit den Bewohnern statt, um zu entscheiden, welche Gebiete wieder bewohnbar sein werden und wo die geologischen Risiken eine dauerhafte Rückkehr unmöglich machen.
Querschnittszeichnung mit Haus, Absenkung und Hohlräumen Diese Grafik beweist, dass Oberflächenschäden täuschen
SaltyLava beobachtet die Entwicklung in Grindavík weiterhin aufmerksam und berichtet über neue Erkenntnisse rund um Vulkanismus, Erdbewegungen und ihre Folgen.
Das Titelbild wurde von der Autorin am 21.12.2023 in Grindavik aufgenommen und zeigt anschaulich die Gefahren, die unter Häusern durch Hohlräume lauern.
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