Islands Rechnungshof sieht Behörde des Nationalen Polizeipräsidenten beim Bau der Schutzwälle in Grindavík und Svartsengi überfordert
Bericht kritisiert die Rolle der Behörde des Nationalen Polizeipräsidenten beim Bau der Schutzwälle auf Reykjanes. Organisation und Kostenkontrolle stehen in der Kritik, während die Anlagen bei Grindavík und Svartsengi ihre Schutzwirkung zeigen.
Der Bau der massiven Schutzwälle auf der isländischen Halbinsel Reykjanes gilt weltweit als Paradebeispiel für modernes Krisenmanagement bei Naturkatastrophen. Ein aktueller Prüfbericht des Nationalen Rechnungshofes (Ríkisendurskoðun) vom 22. April 2026 unter dem Titel „Schutzgebiet Reykjanes-Halbinsel: Verwaltung, Kosten und Verantwortung“, der dem Verfassungs- und Kontrollausschuss des Parlaments vorgelegt wurde, wirft nun jedoch ein kritisches Licht auf die Hintergründe. Während die Schutzwälle ihren Zweck erfüllten, offenbart das Dokument erhebliche Defizite in der staatlichen Organisation und Finanzkontrolle.
Ein technischer Erfolg unter extremem Zeitdruck
Es besteht kein Zweifel: Ohne die Schutzwälle bei Svartsengi und Grindavík wären die Schäden durch die Eruptionen der letzten Jahre katastrophal ausgefallen. Der Bericht lobt ausdrücklich die Ingenieursleistung und den Einsatz der Bauunternehmen. Die Barrieren leiteten Lavaströme erfolgreich um und sicherten so das Geothermiekraftwerk Svartsengi sowie Teile des evakuierten Grindavík. Dieser schnelle Schutz war nur durch eine beispiellose Mobilisierung von Ressourcen möglich.
Überforderte Behörden und unklare Rollenverteilung
Trotz des technischen Erfolgs übt die Rechnungsprüfung scharfe Kritik an der administrativen Umsetzung. Ursprünglich lag die Verantwortung beim nationalen Polizeichef (Ríkislögreglustjóri). Der Bericht stellt fest, dass diese Behörde schlichtweg nicht für die Leitung von Großbauprojekten dieser Dimension gerüstet war.
„Der Nationale Rechnungshof kam zu dem Schluss, dass der Nationale Polizeipräsident nicht über die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügte, um die im Gesetz Nr. 84/2023 geforderten umfangreichen und komplexen praktischen Projekte durchzuführen. Die Beweislage in diesem Fall deutet darauf hin, dass das Projekt aus verschiedenen Gründen seine Kompetenzen überstieg.“
Zitat aus dem Rechnungshofbericht
Zwar wurde die Straßenbaubehörde (Vegagerðin) später als fachlicher Partner hinzugezogen, doch die Rollenverteilung blieb bis zum Schluss diffus. Diese Unklarheit führte laut Bericht zu Ineffizienzen in der Entscheidungsfindung, die in künftigen Krisenfällen vermieden werden müssen.
Sigríður Björk Guðjónsdóttir, die zu dieser Zeit Nationale Polizeikommissarin war, unterstützt die Kritik des Rechnungshofs in einem Interview mit mbl.is: „Zuständigkeiten in Grindavík während des Ausbruchs waren unklar, und die Aufgaben überforderten das Amt deutlich. Sie betont, dass die Polizei Tätigkeiten übernehmen musste, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören – vom Bau von Schutzwällen über Infrastrukturarbeiten bis hin zur Koordination externer Kräfte unter hohem Zeitdruck. Entscheidungen seien dabei stets auf Basis der Einschätzungen des isländischen Wetterdienstes getroffen worden, auch wenn Maßnahmen wie überdimensionierte Schutzbauten später kritisiert wurden. Man darf auch nicht vergessen, dass es oft ein Wettlauf gegen die Zeit war.“
Der ehemalige Katastrophenschutzleiter Víðir Reynisson, der die Operationen in grindavik überwachte, weist bei mbl.is diese Vorwürfe zurück und betont, dass die administrative Leitung für die Beteiligten stets eindeutig gewesen sei. Er kritisiert zudem, dass die Prüfer vorab kein Gespräch mit der Einsatzleitung gesucht hätten, was die Korrektheit der Daten infrage stelle. Laut Víðir wurden einige Entscheidungen, wie die Erhöhung der Dämme, unter absolutem Zeitdruck in akuten Notlagen getroffen, um Infrastruktur und Leben zu schützen. Letztlich seien sowohl die Schutzziele erreicht als auch der Kostenrahmen der vorgelegten Pläne eingehalten worden.
Die Kostenfrage: 12 Milliarden ISK ohne klare Aufschlüsselung
Ein zentraler Kritikpunkt ist die finanzielle Transparenz. Bis Ende 2025 verschlang das Projekt schätzungsweise 12 Milliarden isländische Kronen (ca. 80 Millionen Euro). Die Prüfer bemängeln, dass eine detaillierte Kostenanalyse pro Bauabschnitt weitgehend fehlt.
Zudem war die Finanzierung durch den Staatshaushalt nicht immer lückenlos gesichert. Wiederholte Verzögerungen bei der Bereitstellung von Mitteln führten zu zeitweiligen Zahlungsschwierigkeiten, was die Stabilität des Projekts gefährdete. Auch die Verwendung des sogenannten „Präventionsbeitrags“ – einer Sondersteuer für Schutzmaßnahmen – wurde nicht ausreichend kontrolliert.
Potenzielle Interessenkonflikte bei der Bauaufsicht
Brisant: Der Bericht weist auf mögliche Interessenkonflikte hin. In vielen Fällen waren dieselben Unternehmen, die die technischen Entwürfe für die Wälle lieferten, auch mit der Bauaufsicht und der Qualitätskontrolle betraut. Eine unabhängige Drittprüfung der Entwürfe und Kostenschätzungen fand nur in begrenztem Maße statt. Diese mangelnde Trennung zwischen Planung und Kontrolle sei aus Sicht der Rechnungsprüfung ein erhebliches Risiko für die Wirtschaftlichkeit des Projekts gewesen.
Das Netzwerk hinter dem Vulkanschutz: Behörden, Experten und Unternehmen
Der Bericht der Rechnungsprüfer liefert eine Aufschlüsselung der Verantwortlichkeiten, die das Milliardenprojekt prägten. Auf staatlicher Ebene trug der Nationale Polizeichef (Ríkislögreglustjóri) die gesetzliche Hauptverantwortung für die Durchführung und unterbreitete dem Justizministerium (Dómsmálaráðuneyti), welches die endgültigen Entscheidungen traf, die Pläne für die einzelnen Bauphasen. Ab Dezember 2023 übernahm die isländische Straßenbaubehörde (Vegagerðin) die zentrale Rolle als staatlicher Auftraggeber, zuständig für das Vertragswesen mit den Baufirmen sowie die gesamte finanzielle Abwicklung.
Den Kern der operativen Umsetzung bildete ein schlagkräftiges Planungs- und Durchführungsteam. Es bestand aus den zwei führenden Ingenieurbüros des Landes: Verkís (Verkís hf.), das maßgeblich das Projektmanagement und die Auswahl der Firmen steuerte, und Efla (Efla verkfræðistofa). Gemeinsam waren sie für die essenziellen Lava-Simulationen, den technischen Entwurf und die direkte Bauaufsicht verantwortlich. Unterstützt wurden sie von einer Beratergruppe, in der Experten der Universität Island (Háskóli Íslands) und des isländischen Wetteramtes (Veðurstofa Íslands) ihr Fachwissen einbrachten, ohne jedoch direkt in die Bauausführung involviert zu sein.
In Bezug auf die ausführenden Bauunternehmen Istak, ÍAV, Suðurverk, GG-Sig, Jon und Margeir & Ellert Skulason übt die Rechnungsprüfung jedoch strukturelle Kritik: Sie bemängelt die Intransparenz bei deren Auswahl. Diese Prozesse wurden zunächst maßgeblich durch das Büro Verkís im Auftrag der Polizei gesteuert, bevor die Vegagerðin die bestehenden Verträge übernahm. Die fehlende Trennung zwischen den planenden Ingenieuren und der Aufsicht über die ausführenden Firmen bleibt dabei einer der kritischsten Punkte der staatlichen Untersuchung.
Reformbedarf vor der nächsten Eruption
Die Quintessenz des Berichts ist klar: Island hat bewiesen, dass es die Naturgewalten baulich bändigen kann, doch die staatlichen Strukturen müssen nachziehen. Die Rechnungsprüfung empfiehlt eine grundlegende Reform der Gesetzgebung für Notfallbauten.
Künftig muss klar definiert sein, welche Infrastruktur als „kritisch“ gilt und geschützt werden muss. Zudem fordert die Behörde, die Leitung solcher Projekte von Beginn an bei fachlich kompetenten Baubehörden anzusiedeln und die finanzielle Aufsicht zu verschärfen. Da die vulkanische Aktivität auf Reykjanes voraussichtlich über Jahrzehnte anhalten wird, drängt die Zeit für diese Reformen.
Titelfoto: Bagger erhöhen in Svartsengi die Schutzwälle beim laufenden Vulkanausbruch im November 2024 / Mirjam Lassak
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