Die Stadt Reykjavík hat zwei Grundstückszuweisungen an religiöse Gemeinschaften aufgehoben. Betroffen sind der Muslimische Verband Islands und die russisch-orthodoxe Kirche. Beide Organisationen wollten eigene Gebetshäuser errichten, doch die Baufristen sind seit Jahren abgelaufen. Während die Stadt auf die Einhaltung ihrer Vergaberegeln verweist, kritisieren die betroffenen Gemeinschaften das Vorgehen und verweisen auf ihre Baupläne und Schwierigkeiten bei der Finanzierung.
Grundstücke seit Jahren unbebaut
Der Muslimische Verband Islands erhielt 2013 ein Grundstück an der Suðurlandsbraut 76, auf dem eine Moschee entstehen sollte. Bereits 2021 erteilte die Stadt eine Baugenehmigung für ein 677 Quadratmeter großes Gebäude. Die letzte Frist für den Baubeginn endete am 1. Juli 2025.
Die russisch-orthodoxe Kirche erhielt 2008 eine Grundstückszuweisung im Bereich Bræðraborgarstígur und Bakkastígur. Die Flächen gehören heute zum Grundstück Mýrargata 21–23. Die Pachtverträge wurden 2011 unterzeichnet. Trotz späterer Verlängerungen der Baufristen, unter anderem 2019 und 2021, wurde nicht mit dem Bau begonnen. Die letzte Frist lief am 4. März 2022 ab.
Die Stadt begründet den Widerruf damit, dass die vereinbarten Bedingungen nicht erfüllt wurden. Die Grundstücke sollen nicht dauerhaft ungenutzt bleiben. Die Rücknahmen seien Teil eines umfassenderen Vorgehens, mit dem Reykjavík die Nutzung städtischer Flächen konsequenter durchsetzen und die Gleichbehandlung bei Grundstücksvergaben sicherstellen wolle.
Proteste gegen Moschee- und Kirchenpläne
Beide Bauvorhaben waren bereits in der Vergangenheit umstritten. Besonders der geplante Standort der russisch-orthodoxen Kirche stieß auf Widerstand bei Anwohnern. Sie protestierten gegen die vorgesehene Größe des Gebäudes. In der Folge wurden die Pläne 2020 überarbeitet: Die Zahl der Türme wurde reduziert und die Kirche verkleinert.
Auch der geplante Moscheebau an der Suðurlandsbraut sorgte für Diskussionen. Die Stadt hatte sich bereits früher mit der Frage beschäftigt, ob das Vorhaben am vorgesehenen Standort umgesetzt werden kann. Im Juni 2024 berichtete Vísir, dass die Moscheepläne aufgrund der auslaufenden Baubeginnfrist vor dem Aus stehen könnten.
Religionsgemeinschaften kritisieren das Verfahren
Die Ankündigung der Grundstücksrücknahmen kam für beide Gemeinschaften überraschend. Einar Þorsteinsson, Vorsitzender des Stadtrats, erklärte, die Stadt habe den Organisationen im Sommer Schreiben geschickt und ihnen Gelegenheit gegeben, innerhalb von zwei Wochen Einwände einzureichen.
Die russisch-orthodoxe Kirche erklärte dagegen, sie habe kein entsprechendes Schreiben erhalten. Ihr Priester und Vorsitzender Timur Zolotuskiy sagte, der Baubeginn sei für Herbst 2026 vorgesehen gewesen. Die Baupläne seien fertiggestellt, die Gemeinde habe auf die erforderliche Genehmigung der Stadt gewartet.
Auch der Muslimische Verband Islands bestritt, eine Mitteilung über den geplanten Entzug des Grundstücks erhalten zu haben. Sein Rechtsanwalt Albert Björn Lúðvígsson erklärte, der Verband habe die Planung fortgesetzt und zuletzt eine Baugenehmigung beim zuständigen Bauamt beantragt. Der Vorstand bestehe ausschließlich aus ehrenamtlichen Mitgliedern.
Der Verband forderte ein Gespräch mit dem Bürgermeister und Vertretern des Stadtrats, um die Angelegenheit zu klären und Einwände vorbringen zu können. Zudem verwies der Anwalt auf bereits investierte finanzielle Mittel und behielt mögliche Schadenersatzansprüche ausdrücklich vor.
Finanzierung erschwert Bau religiöser Einrichtungen
Neben den abgelaufenen Fristen spielt auch die Finanzierung eine Rolle. Der Vertreter der Linkspartei im Stadtrat wies darauf hin, dass religiöse Gemeinschaften häufig Schwierigkeiten hätten, Bankkredite für ihre Bauvorhaben zu erhalten. Da ihre Projekte nicht gewinnorientiert seien, könne sich die Finanzierung über viele Jahre hinziehen.
Die Sozialdemokraten hielten die Rücknahmen zwar grundsätzlich für sachlich begründet, bedauerten jedoch, dass beide Gemeinschaften ihre geplanten Einrichtungen nicht verwirklichen konnten. Sie sprachen sich dafür aus, den Dialog über alternative Lösungen fortzusetzen.
Die Mehrheit aus Unabhängigkeitspartei, Reformpartei und Fortschrittspartei betonte hingegen, dass Baufristen und Vergabebedingungen für alle gleichermaßen gelten müssten. Die Sozialdemokraten enthielten sich der Stimme.
Stadtrat bestätigt Grundstücksrücknahmen
Am 8. Oktober 2026 genehmigte der Stadtrat die Antwortschreiben der Stadt auf die Einwände beider Religionsgemeinschaften und bestätigte die Rücknahme der Grundstückszuweisungen. Im Fall der russisch-orthodoxen Kirche wurde außerdem die Kündigung der Pachtverträge gebilligt.
Ob die beiden Organisationen alternative Grundstücke erhalten oder ihre Bauvorhaben an anderen Standorten weiterverfolgen können, ist bislang offen.
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