Die isländische Regierung hat die Risikobewertung für das Stadtgebiet von Grindavík grundlegend überarbeitet. Ziel der Initiative ist es, den Wiederaufbau der Gemeinde trotz der anhaltenden Vulkangefahr sicherer, transparenter und berechenbarer zu gestalten. Der entsprechende Leitfaden, der im Juli 2026 im Auftrag des isländischen Premierministeriums gemeinsam mit Experten des Ingenieurbüros Verkís und der Weltbank fertiggestellt wurde, markiert einen Paradigmenwechsel im Umgang mit der Naturgefahr.
Wandel von der Notfallhilfe zur krisenfesten Planung
In einer Botschaft an die Bevölkerung unterstrich der neue Bürgermeister von Grindavík, Pétur G. Markan, die Tragweite der neuen Strategie: Die Gemeinde vollziehe den Schritt von reiner Notfallhilfe hin zu einem kontrollierten und krisenfesten Zusammenleben mit den Naturgewalten. Ziel sei es, die Stadt schrittweise wieder zu öffnen sowie das Wohn- und Arbeitsleben in kleinen, gezielten Schritten wieder planbar zu machen.
Erhöhte Sicherheit trotz fortbestehender Vulkangefahr
Nach Angaben der Regierung bleibt die geologische Lage in Grindavík weiterhin unsicher. Der Boden bewegt sich nach wie vor langsam, und der Isländische Wetterdienst (Veðurstofa Íslands) rechnet auch künftig mit möglichen Magmenaufstiegen oder erneuten Vulkanausbrüchen.
Dennoch haben sich die Sicherheitsbedingungen im Stadtgebiet spürbar verbessert: Staat und Gemeinde treiben die Verfüllung von Erdspalten und Bodenrissen intensiv voran, gleichzeitig werden stark beschädigte Gebäude gezielt abgerissen. Durch diese Maßnahmen konnte das konkrete Risiko innerhalb der Stadtgrenzen trotz der anhaltenden Naturgefahren gesenkt werden.
Neuer Ansatz: „Lebende Risikobewertung“ unter Einbezug der Bevölkerung
Die überarbeitete Methodik geht davon aus, dass sich die außergewöhnliche Situation in Grindavík nicht allein über rein naturwissenschaftliche Daten erfassen lässt. Künftig fließen auch die subjektiven Erfahrungen, Werte und Einschätzungen der Einwohner sowie der lokal aktiven Fachkräfte direkt in die Bewertung ein.
Der Bericht definiert das Modell als „lebende Risikobewertung“, die kontinuierlich an sich verändernde Gegebenheiten angepasst wird. Dazu werden für vier Kernbereiche messbare Risikoindikatoren und klare Toleranzgrenzen festgelegt:
- Wohnen und dauerhafter Aufenthalt
- Vorübergehender Aufenthalt und temporäre Nutzung
- Kommunale Dienstleistungen und Infrastruktur
- Unternehmen und Wirtschaftsaktivitäten
Breit angelegte Zusammenarbeit und internationale Expertise
Die Entwicklung des Systems erfolgte in enger Abstimmung zwischen der Gemeinde Grindavík, dem Zivilschutz, der Polizei von Suðurnes, dem Isländischen Wetterdienst, Verkís und der Weltbank.
Bürgermeister Markan betonte, dass derzeit vier spezialisierte Arbeitsgruppen parallel daran arbeiten, sämtliche gesellschaftlichen Bereiche – von Schulen und Wohnraum bis hin zu Evakuierungs- und Rückkehrplänen – detailliert zu analysieren. Dabei wird die Gemeinde von einem breiten Netzwerk externer Fachleute unterstützt, darunter Wissenschaftler der Universität Island, Ingenieure, Ministeriumsvertreter sowie Organisationen wie UNICEF, der Wohlfahrtsrat der Südhalbinsel und die Immobiliengesellschaft Þorkötla. Die Weltbank steuert zudem wertvolle Erkenntnisse aus vergleichbaren internationalen Katastrophenfällen bei.
Titelbild: Grindavik Anfang Juni 2026 / Mirjam Lassak
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