Die Situation rund um Prostitution, Menschenhandel und organisierte Kriminalität in Island gibt zunehmend Anlass zur Sorge. Parlamentspräsidentin Þórunn Sveinbjarnardóttir bezeichnet Reykjavík als das „Bangkok des Nordens“, berichtet Visir. Die Regierung will nun härter gegen Freier vorgehen. Ein neuer Gesetzentwurf sieht strengere Strafen und das Ende von bloßen Geldbußen vor.
In einem Interview mit dem Radiosender Bylgjan am 5. November 2026 warnte Parlamentspräsidentin Þórunn Sveinbjarnardóttir vor dem wachsenden Prostitutionsmarkt in Island. Nach Informationen, die sie aus Polizeikreisen erhalten habe, gebe es allein in Reykjavík jederzeit Dutzende online und anderweitig beworbene Angebote. Frauen würden gezielt ins Land gebracht, um der Prostitution nachzugehen. Die Hauptstadt werde deshalb inzwischen als das „Bangkok des Nordens“ bezeichnet.
Þórunn sieht einen engen Zusammenhang zwischen Prostitution, Menschenhandel und organisierter Kriminalität. Sie spricht von moderner Sklaverei: Menschen aus wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen würden mit falschen Versprechungen ins Ausland gelockt. Nach ihrer Ankunft würden ihnen beispielsweise die Pässe abgenommen und sie zur Prostitution gezwungen.
Island will Freier vor Gericht bringen
Justizministerin Þorbjörg S. Gunnlaugsdóttir legte am 3. November einen Gesetzentwurf zur Verschärfung der Prostitutionsbestimmungen im Strafgesetzbuch vor. Ziel ist es, die Nachfrage zu senken, Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung zu bekämpfen und organisierte Kriminalität einzudämmen.
Prostitution ist in Island seit 2009 strafbar. Ersttäter müssen bislang in der Regel eine Geldstrafe von 200.000 ISK zahlen. Diese Möglichkeit soll abgeschafft werden. Künftig sollen Fälle nicht mehr durch eine Geldstrafe des Polizeichefs erledigt werden können, sondern zu einer Anklage und einem Gerichtsverfahren führen.
„Freier haben bisher eine gewisse Sonderbehandlung im Justizsystem genossen und sind für ihre Verbrechen ungestraft davongekommen. Das ist inakzeptabel“, erklärte die Ministerin.
Auch der Schutz von Kindern soll verbessert werden. Die Höchststrafe für den Kauf sexueller Dienstleistungen von Minderjährigen soll von zwei auf vier Jahre Haft steigen. Künftig soll auch eine fahrlässige Fehleinschätzung des Alters strafbar sein. Außerdem wird klargestellt, dass der Kauf von Prostitution auch dann strafbar bleibt, wenn eine dritte Person dafür bezahlt.
Die geplanten Änderungen orientieren sich unter anderem an einer ähnlichen Gesetzesreform in Schweden aus dem vergangenen Jahr.
50 Freier bei Polizeieinsatz erfasst
Wie groß das Problem ist, zeigen mehrere Ermittlungen der vergangenen Monate. Im Juni beteiligte sich Island an einer internationalen Polizeioperation gegen Prostitution und Menschenhandel in 59 Ländern. In Island wurden dabei 50 mutmaßliche Freier gefilmt und fünf Personen festgenommen.
Nach Einschätzung von Fachleuten ist das möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs. Eine Teamleiterin der Hilfsorganisation Bjarkarhlíð berichtete im Juli von einer Frau, die innerhalb von nur 72 Stunden 80 Freier bedienen musste.
Die Polizei geht davon aus, dass organisierte kriminelle Netzwerke den Prostitutionsmarkt maßgeblich antreiben. Zudem besteht der Verdacht, dass ein großer Teil der angebotenen Frauen Opfer von Menschenhandel ist.
Es sind ganz normale Familienväter
Für Þórunn Sveinbjarnardóttir liegt das Kernproblem auf der Nachfrageseite. Sie kritisiert, dass in Island bisher kaum darüber gesprochen werde, wer sexuelle Dienstleistungen kauft. Es seien nicht ausschließlich Menschen aus kriminellen Milieus, sondern häufig ganz normale Männer und Familienväter.
Die Gesellschaft müsse sich dieser unangenehmen Realität stellen. Þórunn erinnert an die früheren Debatten über häusliche Gewalt, Gewalt gegen Frauen und Inzest. Auch damals habe es lange gedauert, bis man bereit gewesen sei, solche Probleme offen anzusprechen.
Sie betrachtet Prostitution nicht als gewöhnliche Erwerbstätigkeit, sondern als Ausdruck eines Machtungleichgewichts: Während Sexualität auf gegenseitigem Respekt beruhen sollte, werde beim Kauf sexueller Dienstleistungen der Zugang zum Körper eines anderen Menschen erkauft.
Kritik an den geplanten Verschärfungen
Im Parlament gibt es allerdings auch Bedenken. Die Abgeordnete Hildur Sverrisdóttir von der Unabhängigkeitspartei fragte, ob die geplanten Maßnahmen die Sicherheit der Betroffenen ausreichend berücksichtigen. Studien zum schwedischen Modell hätten gezeigt, dass eine stärkere Kriminalisierung die Situation von Prostituierten verschlechtern könne. Sie würden weiter in die Illegalität gedrängt und hätten möglicherweise weniger Zugang zu Gesundheitsdiensten und zur Polizei.
Auch die isländische Interessenvertretung Red Umbrella, die sich für die Rechte von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern einsetzt, kritisiert den Gesetzentwurf. Sie warnt vor einer zusätzlichen Gefährdung und Marginalisierung der Betroffenen.
Justizministerin Þorbjörg erklärte, sie habe sich mit Vertretern der Organisation getroffen. Diese repräsentiere jedoch nicht alle Menschen in der Prostitution. Bei der Ausarbeitung des Gesetzentwurfs seien auch die Erfahrungen von Stígamót sowie Berichte von Frauen und Mädchen berücksichtigt worden, die Prostitution erlebt haben oder Opfer von Menschenhandel geworden sind. Untersuchungen deuteten darauf hin, dass sich die überwiegende Mehrheit nicht freiwillig in dieser Situation befinde.
Die Ministerin räumte ein, dass Prostitution wie andere Straftaten kaum vollständig beseitigt werden könne. Härtere Strafen sollen jedoch abschreckend wirken. Ergänzend plant die Regierung Maßnahmen gegen organisierte Kriminalität, darunter verstärkte Grenzkontrollen und mehr Polizeipersonal.
Ob die geplanten Verschärfungen tatsächlich die Nachfrage senken und gleichzeitig die Sicherheit der Betroffenen verbessern, bleibt eine zentrale Frage der weiteren parlamentarischen Beratungen.
Titelbild: KI-generiertes Symbolbild zur aktuellen Debatte über Prostitution, Menschenhandel und organisierte Kriminalität in Reykjavík.
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